Schleyer: Wir brauchen Verknüpfung von Familien- und Bildungspolitik.
Das Handwerk unterstützt es, dass die Bundeskanzlerin Bildung zur Chefsache erklärt. ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer sagt im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (23. August 2008): "Die soziale und wirtschaftliche Stabilität hängt von Bildung ab." Das Handwerk hat seit Jahren für eine Bildungsoffensive gekämpft.
Schleyer: "Bildung ist ein Mega-Thema"
Schleyer: Wir brauchen Verknüpfung von Familien- und Bildungspolitik.
ZDH - Zentralverband des deutschen Handwerks
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Herr Schleyer, die Bundeskanzlerin macht Bildung zur Chefsache. Ist bislang etwas schief gelaufen?
Schleyer: Endlich wird erkannt: Bildung ist ein Mega-Thema. Sie ist entscheidend für die Zukunft des Standorts Deutschland. Die soziale und wirtschaftliche Stabilität, ja unsere innere Sicherheit hängt davon ab, wie wir mit der heranwachsenden Generation umgehen. Deshalb unterstützen wir, dass die Kanzlerin das Thema zur Chefsache macht. Wir im Handwerk bemühen uns schon seit Jahren um eine nationale Bildungsoffensive.
Ist die Bildungsreise Angela Merkels auch Show?
Schleyer: Show? Ganz sicher nicht. Die wachsenden sozialen Probleme, die wir in Deutschland mit Kindern und Heranwachsenden haben, die Sprachschwierigkeiten junger Migranten überfordern die Schulen. Das zwingt die Politik zum Handeln. Wir brauchen die Verknüpfung von Familien- und Bildungspolitik. Dabei müssen wir schon beim Kleinkind mit Förderung ansetzen. Und wo Eltern ihre Pflicht nicht erfüllen, müssen wir sie mit Trainingskursen fit machen. Eltern-Coaching – das sollten wir uns von Managern abschauen.
Und wer sich verweigert, muss Sanktionen fürchten?
Schleyer: Ich bin dafür, die Auszahlung des Kindergeldes in gewissen Fällen an Bedingungen zu knüpfen. Zum Beispiel sollte bei mangelnden Deutschkenntnissen die Teilnahme von Kindern an Sprachkursen verpflichtend sein. Ich habe auch sehr viele Sympathien für den Ansatz, nicht das Kindergeld zu erhöhen, sondern den Heranwachsenden mit Bildungsschecks oder der kostenlosen Schulmahlzeit direkt zu helfen. Wir müssen darauf achten, finanzielle Hilfen effektiv einzusetzen.
Was muss nach Ihrer Meinung als Ergebnis der Merkel-Bildungsreise heraukommen?
Schleyer: Es geht nicht allein darum, Deutschland flächendeckend mit Horten und Kitas auszustatten. Es geht darum, qualitativ einen Sprung zu machen und unsere Kinder besser auf die Schule vorzubereiten. Das Handwerk fordert seit Jahren ein bundesweit verpflichtendes Vorschuljahr.
Plädieren sie für verbindliche und bundesweite Sprachtests für Vorschulkinder – wie sie in Niedersachsen seit 2003 Praxis sind?
Schleyer: Wir müssen überall die Voraussetzung dafür schaffen, dass alle Kinder – gleich welcher Herkunft – in der Lage sind, dem Unterricht zu folgen. Da sind Sprachtests ein wirksames Instrument. Mit besserer vorschulischer Vorbereitung können wir vermeiden, dass Kinder zurückgestellt werden müssten.
Lehrer sind faule Säcke - hat das Zitat von SPD-Altkanzler Gerhard Schröder das Desinteresse an Bildung befördert?
Schleyer: Das ist ein dahingeworfenes Zitat, das einen ganzen Berufsstand diskriminiert, der nicht besser oder schlechter ist als andere. Weil Lehrer aber für Erziehung und Ausbildung unserer Kinder von entscheidender Bedeutung sind, müssen wir sie viel stärker als bisher fördern. Die Weiterbildung von Pädagogen muss dringend verbessert werden. Die Wirtschaft ist bereit, sich für Lehrer und Schüler zu öffnen. Unsere Angebote sollten aber auch genutzt werden. Ich bin daher dafür, Praktika in der Wirtschaft zur Pflicht zu machen. Es gibt zu viele Lehrer, die von der Realität in Betrieben zu wenig wissen, und die Schüler bei der notwendigen Berufsorientierung nicht unterstützen können.
Das Handwerk klagt darüber, dass Schulabgänger Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben, Rechnen nicht beherrschen.
Schleyer: In der Tat: Bis zu 25 Prozent eines Jahrgangs bringen nicht die nötigen Grundvoraussetzungen mit. Das hat sich trotz jahrelanger Warnungen nicht gebessert. Auch daher mein Plädoyer für eine intensive Sprachförderung.
Was halten Sie davon, Lehrlinge nach Leistung zu bezahlen, um Disziplin zu fördern?
Schleyer: Gar nichts. Das sind Mätzchen im Sommerloch. Solche Probleme kann man mit gestaffelten Ausbildungsvergütungen nicht lösen. Nur wenn ich Jugendliche von klein auf gut fördere, kann ich sie motivieren.
Das heißt, man muss die Besten als Ausbilder in Schulen und Kitas schicken....
Schleyer: Genau, so ist es. Bei der Ausbildung von Erzieherinnen und Betreuerinnen muss nach meiner Ansicht dringend nachgerüstet werden. Auch bei ihrer Bezahlung gibt es Nachholbedarf. Dann bekommen wir endlich auch mehr Männer in diese Berufe. Pädagogen und Psychologen warnen zu Recht davor, dass Kinder im Bildungssystem kaum noch Männer als Bezugspersonen vorfinden.
Die SPD fordert einen Rechtsanspruch auf den Hauptschulabschluss....
Schleyer: Was heißt Rechtsanspruch? Wie soll ich den herstellen? Das ist doch sehr abstrakt und kommt mir so vor wie die Forderung nach Recht auf Sonnenschein. Richtig ist allerdings, dass die Chancen für Hauptschüler nachhaltig verbessert werden müssen, gerade auch durch eine entsprechende Ausstattung ihrer Schulen.
Was spricht dagegen, nach niedersächsischem Vorbild bundesweit Meistern das Studium zu erlauben?
Schleyer: Seit Jahren plädiere ich für mehr Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung. Wir müssen wegkommen von der irrigen Annahme, dass nur das Abitur der Königsweg für berufliche Perspektiven ist. Ich erhoffe mir vom Bildungsgipfel am 21. Oktober eine Verständigung zwischen Bund und Ländern, dass der Meister bundesweit ohne weitere Qualifikationen den Zugang zum Hochschulstudium hat. Mit seinen Kenntnissen und Erfahrungen hat er allemal das Zeug dazu.
Interview: Beate Tenfelde
Zentralverband des Deutschen Handwerks e.V.


