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Handwerkliche Ausbildung hat an Attraktivität gewonnen.

erstellt von Jack Hauswald zuletzt verändert: 05.05.2012 10:31

Handwerkspräsident Otto Kentzler ist zufrieden, dass die Gleichwertigkeit von Meisterbrief und Bachelor-Abschluss anerkannt worden ist. "Die Gleichwertigkeit von Meisterbrief und Bachelor ist ein Signal".

"Unsere Ausbildung hat dadurch an Attraktivität gewonnen. Die Karrieremöglichkeiten sind transparenter geworden", so Kentzler im Interview mit der Südwestpresse Ulm (3. Mai 2012).

Herr Kentzler, wie geht es dem Handwerk? Erreicht es 1,5 Prozent Wachtum wie zu Jahresbeginn erhofft?

OTTO KENTZLER: Der strenge Frost zu Jahresbeginn hat das Baugewerbe gebremst. Aber alle anderen Bereiche laufen gut. Die Zulieferer für Automobil- und Maschinenbau brummen. Das Plus wird also eher höher ausfallen.

Um Schulen und Hochschulen bemüht sich die Politik intensiv. Geht das zu Laten der beruflichen Bildung? Fühlt sich das Handwerk benachteiligt?

KENTZLER: Nicht mehr. Wir haben es geschafft, dass die berufliche und die akademische Bildung für gleichwertig erklärt wurden. Das war ein langer und mühsamer Weg. Auch dank Bundesbildungsministerin Annette Schavan sind wir mit der Kultusministerkonferenz zu einem guten Ergebnis gekommen. Das wird jetzt umgesetzt. Die Gleichwertigkeit von Meisterbrief und Bachelor ist ein Signal. Dadurch hat unsere Ausbildung sehr gewonnen.

Kann das Handwerk jetzt mehr Abiturienten als Lehrlinge gewinnen?

KENTZLER: Ja. Denn die Karrieremöglichkeiten sind wesentlich transparenter geworden. Auch unsere Imagekampagne erhöht die Attraktivität des Handwerks und macht die Qualität unserer Ausbildung deutlicher. Die umfassende Ausbildung im Handwerk bedeutet persönliche Freiheit, weil ich danach machen kann, was ich möchte, und nicht, wie in der Industrie, nur an die Produktion eines Betriebes gebunden bin.

Bekommt das Handwerk so viele Abiturienten, wie es gerne hätte?

KENTZLER: Gut 8 Prozent unserer Auszubildenden haben Abitur. Besonders hoch ist ihr Anteil etwa in medizinischen Berufen wie Hörgeräteakustiker oder Zahntechniker. Für Augenoptik- und Orthopädietechniker gibt es heute schon Bachelorabschlüsse. Der Bedarf an praxiserfahrenen Akademikern wächst, ihre Karrierechancen im Handwerk sind groß. Die Zahl ließe sich sicherlich steigern.

Schauen Sie zu sehr aufs Abitur?

KENTZLER: Eben nicht. Wir vergessen die Haupt- und Realschüler nicht, im Gegenteil. Gerade für sie ist die duale Ausbildung äußerst attraktiv, weil sie alle Chancen bietet - bis hin zur Studienberechtigung für Handwerksmeister. Ich empfehle Jugendlichen Praktika als Test, für welchen Handwerksberuf sie am besten geeignet sind. Ich erinnere die Betriebe aber auch daran, dass sie für die Jugendlichen attraktiv sein müssen - indem sie sich bei Strukturen, Arbeitsabläufen und Qualifikation auf dem neuesten Stand halten. Da spielen unsere Bildungsakademien eine Schlüsselrolle, um die nötigen Kompetenzen weiterzugeben.

Was machen diese Akademien?

KENTZLER: Sie bieten Weiterbildung zu mehr Exzellenz. Ich benutze bewusst dieses Wort, das die Hochschulen auch aufgreifen. Nicht jeder Betrieb kann alles ausbilden, was zum Berufsbild gehört. Die überbetriebliche Ausbildung vertieft, was der Betrieb nicht leisten kann. Für Gesellen und Meister gibt es Fortbildungen, von speziellen Schweißkursen für technische Berufe bis zum Betriebswirt des Handwerks. Darüber hinaus gibt es Kurse zur Vorbereitung auf die Hochschule.

Nutzen überhaupt viele Meister die Möglichkeit, ohne Abitur an die Hochschule zu gehen?

KENTZLER: Im Moment noch wenige. Aber das läuft erst an. Gerade in den technischen Berufen ist das Interesse da.

Ist es übertrieben, wenn etwa für Altenpfleger oder Kindergärtnerinnen mindetens Abitur verlangt wird?

KENTZLER: Solche Hürden halte ich nicht für sinnvoll. Altenpflege beispielsweise hat mit gesundem Menschenverstand zu tun, mit Menschlichkeit und mit der Einstellung zum Pflegebedürftigen. Dazu ist kein Abitur nötig. Durch die Gleichstellung der akademischen und der beruflichen Bildung stehen nicht mehr Noten und System im Vordergrund, sondern die Kompetenzen der Personen.

Profitieren von der betrieblichen Bildung nur die Betriebe?

KENTZLER: Auch der Staat gewinnt in vielfacher Hinsicht. Hätten wir überall verschulte Ausbildungen und nicht das Prinzip der Lehre, dann würde das den Staat allein für einen Jahrgang 2,1 Mrd. Euro mehr kosten. Hier übernimmt die Wirtschaft eine hohe Verantwortung. Das vergessen die meisten. In der Hochschulbildung zahlt alles der Staat. Die berufliche Bildung ist sehr geprägt vom Anteil, den die Wirtschaft leistet.

Wie groß ist das Interesse am Handwerk im neuen Lehrjahr, das im September beginnt?

KENTZLER: Das lässt sich noch schwer sagen. Wir hatten 2011 zunächst sehr hohe Zahlen, weil sich die Betriebe frühzeitig bemühten, die Lehrstellen zu besetzen. Am Schluss blieben etwa 11.000 Plätze unbesetzt.

In der Metallindustrie will die IG Metall die Übernahme aller Lehrlinge durchsetzen. Was halten Sie davon?

KENTZLER: Davor kann ich nur warnen. Die Entscheidungsfreiheit des Unternehmers würde eingeschränkt. Das ginge zu Lasten der Ausbildungsbereitschaft. Zudem wäre es ein Nachteil, wenn sich Jugendliche bei der Suche einer Lehrstelle an einer Übernahmegarantie orientieren, die ihnen das Handwerk nicht bieten kann.

Niedrige Löhne sind auch im Handwerk gerade im Osten ein Problem. Könnten Sie mit einer Lohnuntergrenze leben, wie sie jetzt die Union plant?

KENTZLER: Das wäre für mich nur der allerletzte Ausweg. Viel wichtiger ist, dass Lohnuntergrenzen durch Tarifverträge gar nicht nötig werden. In den meisten Fällen liegt der Ecklohn jetzt schon weit über der Mindestgrenze, die diskutiert wird. Das ist Sache der Tarifpartner und sollte es auch bleiben.

Interview: Dr. Dieter Keller

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