Handwerk mahnt bessere Schulbildung an
Ein Viertel der Schulabgänger eines jeden Jahrgangs beherrschen die Grundfertigkeiten Rechnen, Lesen und Schreiben nicht ausreichend. "Das ist ein Skandal", so ZDH-Präsident Otto Kentzler im Interview mit dpa am Rande der europäischen Handwerkskonferenz in Stuttgart (17.4.2007).
Welche Forderungen hat das Handwerk an die Schulen und die dafür verantwortlichen Politiker, um die Schulausbildung zu verbessern. Es wird von vielen behauptet, dass die derzeitige Schulbildung zu viele schlecht ausgebildete Abgänger schaffe.
Kentzler: Ein Viertel eines jeden Jahrgangs kommt von der Schule und kann nicht ordentlich rechnen, lesen und schreiben. Das ist ein Skandal! Es trifft vor allem das Handwerk, das bisher den überwiegenden Teil der Hauptschüler ausbildet. Es ist daher gut, dass Bundesministerin Schavan diese Zahl in den kommenden Jahren halbieren will. Dazu bedarf es allerdings einer nationalen Bildungsanstrengung: Politik, Wirtschaft, aber auch Eltern, Schulen und Kindergärten müssen mitziehen. Und was die langfristige Perspektive betrifft, so ist aus unserer Sicht beispielsweise, ein verpflichtendes Vorschuljahr sinnvoll, um allen Kindern - auch solchen aus Migranten- oder sogenannten bildungsfernen Familien - gleiche Startchancen in der Schule zu geben.
Die deutschen Handwerker müssen sich für Europa qualifizieren: Wo ist noch Nachholbedarf in der Ausbildung?
Kentzler: Die aktive Generation im Handwerk hat in Europa die Nase vorn. In keinem anderen Land hat der Konkurrenz- und Kostendruck zu solch hoher Qualifikation des einzelnen Mitarbeiters und zu einem so breiten Einsatz von Maschinen und Computern geführt wie in Deutschland. Das soll so bleiben! Nur ein Beispiel: Unsere Handwerkskammern nutzen eine Kooperation des ZDH mit Microsoft und bieten allen Lehrlingen einen kostenlosen IT-Fitness-Kurs an. Ohne solche Kenntnisse geht es in kaum einem Handwerksberuf mehr. Der Monteur mit Dienstplan und Blaupausen auf dem Laptop ist längst Realität. Das heißt aber im Umkehrschluss: Wer auf der Schule nicht genug gelernt hat, hat es in der Lehre und bei der Berufsschule schwerer.
Wünschen Sie sich mehr Praxisbezug schon in der schulischen Ausbildung?
Kentzler: Wir haben von Seiten des Handwerks angeboten, Schülern schon frühzeitig, am besten in der achten Klasse, die Möglichkeit zu ausführlicher Praxis in Betrieben oder handwerklichen Bildungsstätten zu geben. In einigen Bundesländern laufen dazu Versuche - mit guten Ergebnissen. Wer rechtzeitig feststellt, welche Anforderungen im Berufsleben auf ihn zukommen, ist anschließend in der Schule motivierter. Ich persönlich fordere die jungen Leute auch stets zur Eigeninitiative auf. Wer sich mit 16 oder 17 in einem Praktikum bewährt hat, ruhig auch in den Schulferien, der hat seinen Ausbildungsplatz schon so gut wie in der Tasche.
Sollten deutsche Lehrlinge während er Ausbildung verstärkt im Ausland arbeiten, um sich etwa in der Sprache besser fit zu machen?
Kentzler: Das begrüßen wir. Dabei ziehen auch immer mehr Lehrherrn mit. Es ist auch fachlich eine Herausforderung, da oft mit anderen Materialien oder Techniken gearbeitet wird. Die Handwerkskammern informieren über bestehende Angebote. Infos gibt es auch im Internet etwa auf der Site www.chance-europe.de zu deutsch-französischem Lehrlingsaustausch.
Das Interview führte Werner Scheib.


